HAUG, Johann Friedrich, separatistischer Mystiker, * 17.4. 1680 in Straßburg als Sohn eines Buchdruckers, † 12.3. 1753 in Berleburg (Wittgenstein). - H. studierte Theologie und promovierte zum Magister. Er kam früh unter den Einfluß eines schwärmerischen Pietismus. H. wurde 1703 Diakonus in Straßburg, aber wegen "pietistischer und donatistischer Irrtümer" suspendiert und 1705 wegen Abhaltung verbotener Konventikel aus Straßburg ausgewiesen. Nun ging er nach Berleburg, wo alle mystischen und pietistischen Separatisten damals bei dem Grafen Casimir zu Sayn-Wittgenstein-Berleburg Aufnahme fanden. Später zog sich H. als individualistischer mystischer Spiritualist fast völlig von der Außenwelt zurück. Graf Casimir nahm ihn zeitlebens zu sich ins Schloß, wo er fast wie ein Einsiedler lebte. - H. ist bekannt als Vorsteher der philadelphischen Gemeinde Berleburg und Herausgeber der "Berleburger Bibel". - Die "Berleburger Bibel" ist ein Gemeinschaftswerk der in Berleburg versammelten führenden Köpfe der philadelphischen Bewegung. Nicht in der Übersetzung liegt ihre Bedeutung, sondern in der Erklärung. Aus dem ganzen mystisch-theosophischen Vorrat, der den Verfassern zu Gebot stand, sind die Anmerkungen gesammelt; dabei ist der Madame Guyon (s. d.) ein hoher Rang eingeräumt. Die Berleburger Bibel erneuert die alte Auffassung von einem dreifachen Schriftsinn, dem buchstäblichen, moralischen und geheimen. Obwohl sich viel Tiefsinniges und Erbauliches darin findet, enthält sie willkürlich phantastische Allegorie, die alten und neueren theosophischen Lehren und bittere Polemik gegen Kirche und Kirchenglauben.
Werke: Gab heraus: Die Heilige Schrift Altes u. Neues Testaments, Nach dem Grund-Text aufs neue übersehen und übersetzet: Nebst Einiger Erklärung des buchstäblichen Sinnes Wie auch der fürnehmsten Fürbildern u. Weissagungen von Christo und seinem Reich und zugleich Einigen Lehren die auf den Zustand der Kirchen in unsern letzten Zeiten gerichtet sind; welchem allem noch untermängt Eine Erklärung die den inneren Zustand des geistlichen Lebens, oder die Wege und Wirkungen Gottes in den Seelen zu deren Reinigung, Erleuchtung und Vereinigung mit Ihm zu erkennen gibt, 8 Bde., Berleburg 1726 bis 1742.
Lit.: Max Goebel, Gesch. des christl. Lebens in der rhein.westfäl. Kirche II/2.3, 1852, 736 ff.; III, 1860, 71 ff. bes. 103 ff.; - Albrecht Ritschl, Gesch. des Pietismus II, 1884, 352 f.; - Johann Adam, Ev. KG der Stadt Straßburg, 1922, 476 ff.; - Martin Hofmann, Theol. u. Exegese der Berleburger Bibel, 1937; - Nils Thune, The Behmenists and the Philadelphians, Uppsala 1948, 148 ff. u. ö.; - Ernst Benz, Adam. Der Mythos v. Urmenschen, 1955, 135 ff. 304 f.; - W. Hartnack, Berleburg als Druckort. Druck der Berleburger Bibel, in: Wittgenstein 44, Bd. 20, 1956, 73 ff.; - Die Berleburger Chron.en, ebd. Beih. 2, 1964; - Hirsch II, 299 f.; - ADB XI, 51 f.; - NDB VIII, 90 f.; - RE III, 182 f.; VIII, 355 f.; IX, 203 ff. - RGG III, 87 f.
Friedrich Wilhelm Bautz
Letzte Änderung: 09.04.2011