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Verlag Traugott Bautz
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BORCHERT, Wolfgang, dt. Schriftsteller, Schauspieler, * 20. Mai 1921 in Hamburg-Eppendorf, † 20. November 1947 in Basel. - Von 1928-1938 Schulbesuch in Hamburg. Im Dezember 1938 verläßt er die Schule ohne Abschluß. Vom 1. April 1939 bis zum Dezember 1940 Buchhändlerlehre in Hamburg. Aufnahme schriftstellerischer Tätigkeit. Borchert schreibt als 17-Jähriger sein erstes Theaterstück, in der Folgezeit Gedichte. Der junge Autor wird von seinen Eltern unterstützt. Die Mutter, Hertha Bochert, ist selber schriftstellerisch tätig, sie verfaßt Werke in niederdeutschem Dialekt. In dieser Zeit Konfrontationen mit dem NS-Regime. 1940 wird B. das erste Mal von der Gestapo verhaftet und verhört. Nebenbei nimmt Borchert Schauspielunterricht und besteht 1941 seine Prüfung vor der Reichstheaterkammer. Daran anschl. erstes Theaterengagement an der Landesbühne Ost-Hannover in Lüneburg. Ab Mai d.J. in der Wehrmacht. Nach einer Anklage vor einem Militärgericht wegen vermeintlicher "Selbstverstümmenlung" wird Borchert freigesprochen, erhält aber eine sechswöchige Freiheitsstrafe mit anschl. "Frontbewährung" wg. einem sogenanntem "Angriff auf Staat und Partei". Grundlage sind kritische Äußerungen in Briefen gegen das Regime. Bei erneutem Fronteinsatz 1943 zieht er sich eine schwere Lebererkrankung zu. B. wird schließlich als untauglich eingruppiert und soll zum Front-Theater abkommandiert werden. Da er politische Witze in der Öffentlichkeit erzählt, wird die Versetzung nicht vollzogen. Stattdessen Überführung ins Wehrmachtsuntersuchungsgefängnis in Berlin-Moabit und Anklage wg. "Wehrkraftzersetzung". Er erhält Strafaufschub durch "Feindbewährung". Versetzung nach Jena. 1945 gerät Borchert in der Nähe von Frankfurt/Main in französische Kriegsgefangenschaft. Er flieht und begibt sich zu Fuß ins heimatliche Hamburg, wo er schwerkrank am 10. Mai 1945 eintrifft. Hier versucht B. trotz der fortschreitenden Erkrankung einen Neuanfang als Schauspieler und Regieassistent. 1946 entstehen in kurzer Zeit weitere Schriften, u.a. das Drama "Draußen vor der Tür", das den Weltruhm des Autors begründet. In diesem Stück verarbeitet Borchert seine eigenen Kriegserfahrungen und beschreibt in der Figur des Frontheimkehrers Beckmann das Grauen und die Zweifel, mit denen die Soldaten im Kampf und nach ihrer Rückkehr konfrontiert werden. Der Text ist eine erschütternde Anklage des Krieges und seiner Verantwortlichen. Im Dezember 1946 erscheint das erste Buch, der Gedichtband "Laterne, Nacht und Sterne". Am 13. Februar 1947 sendet der Nordwestdeutsche Rundfunk eine Hörspielfassung von "Draußen vor der Tür". Im September Kuraufenthalt in der Schweiz. Einen Tag vor der geplanten Uraufführung des Stückes an den Hamburger Kammerspielen stirbt Wolfgang Borchert in einem Baseler Krankenhaus, in das er zur Behandlung seines schweren Leberleidens verlegt worden ist. In der Folge avanciert er zu einem der bekanntesten deutschen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. B. hat kein religiöses Werk im engeren Sinn verfaßt. Die Sinnfrage ist seinen Texten sehr wohl inhärent und präsent. Der in der evangelischen Kirche Getaufte wird, so sein Biograph Claus B. Schröder, "den lieben Gott entschieden ernster nehmen [...], als man von ihm erwartet, es ist nicht vorauszuahnen, daß er diesen 'lieben Gott' hartnäckig suchen wird" (Schröder, 1988, 40). Primär thematisiert er die Theodizeeproblematik. So steht in vielen Texten die Frage nach Gott angesichts vielfältigen Leidens. In "Draußen vor der Tür" begegnet dem Leser ein ebenso leidender wie ohnmächtiger Gott, der seine Herrschaft an den Tod abgetreten hat. B. zeigt sich in seinen Texten als konsequenter Gottsucher, der sich jedoch der dogmatischen Theologie verweigert. Der Autor thematisiert seinen Zweifel, formuliert dabei aber keine von bloßem Nihilismus geprägten Texte. Ihre inhaltliche Stärke liegt in der offenen religiösen Frage und der konsequenten Hinwendung zu den Prinzipien eines friedliebenden Humanismus.
Werke: Laterne, Nacht und Sterne. Gedichte um Hamburg, Hamburg, 1946; An diesem Dienstag. Neunzehn Geschichten, Hamburg 1947; Die Hundeblume. Erzählungen aus unseren Tagen, Hamburg 1947; Draußen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will, Hamburg 1947; Das Gesamtwerk. Mit einem biographischen Nachw. von Bernhard Meyer-Marwitz, Hamburg 1949 (Vier Auflagen bis 2002); Draußen vor der Tür und ausgewählte Erzählungen. Mit einem Nachwort von Heinrich Böll, Hamburg 1956 (84 Auflagen bis 2002); Die traurigen Geranien und andere Geschichten aus dem Nachlass. Hrsg. mit e. Nachw. von Peter Rühmkorf, Reinbek bei Hamburg 1962 (29 Auflagen bis 2001); Die Hundeblume. Nachwort von Günther Cwojdrak, Leipzig 1963; Liebe blaue graue Nacht. Erzählungen, Reinbek bei Hamburg 1996; Allein mit meinem Schatten und dem Mond. Briefe, Gedichte und Dokumente. Hrsg. von Gordon J. A. Burgess, Reinbek bei Hamburg 1996; "... tatsächlich die einzige Hoffnung". Briefe aus den letzten Monaten. Zum 50. Todestag von Wolfgang Borchert am 20. November 1997. Für die Freunde des Autors und der Rowohlt-Verlage hrsg. von Irmgard Schindler und Michael Töteberg, Reinbek bei Hamburg 1997; Draußen vor der Tür. Ein Stück, das kein Theater spielen und kein Publikum sehen will. Text, Materialien und weitere ausgewählte Erzählungen und Gedichte. Hrsg. von Johannes Diekhans. Erarb. von Manfred Allner, Paderborn 2001.
Lit.: Bernhard Meyer-Marwitz, Wolfgang Borchert, Hamburg 1948; - Hans Heering, Gedanken über Wolfgang Borchert, Oldenburg 1952; - Aline Bußmann, Erinnerungen an Wolfgang Borchert. Zur 10. Wiederkehr seines Todestages am 20. November 1957, Hamburg 1957; - Anna-Maria Darboven, Wolfgang Borchert. Der Rufer in einer Zeit der Not, Hannover 1957; - Heinz Ernst Otto Hartmann, Wolfgang Borchert, ein unbequemer und gefährlicher Mahner? Fürstenfeldbruck 1960; - Peter Rühmkorf, Wolfgang Borchert in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, Reinbek bei Hamburg 1961; - Interpretationen zu Wolfgang Borchert. Verfasst von einem Arbeitskreis, München 1964; - Marianne Schmidt, "Wolfgang Borchert". Analysen und Aspekte, Halle (Saale) 1970; - Alfred Schmidt, Wolfgang Borchert. Sprachgestaltung in seinem Werk, Bonn 1975; - Rudolf Wolff, Wolfgang Borchert. Werk und Wirkung, Bonn 1984; - Gordon J. A. Burgess, Wolfgang Borchert. Mit Beitr. von Rolf Italiaander, Hamburg 1985; - Claus B. Schroeder, Wolfgang Borchert. Biographie, Hamburg 1985; - Ders., Draußen vor der Tür. Eine Wolfgang-Borchert-Biographie, Berlin 1988; - Ders., Wolfgang Borchert. Die wichtigste Stimme der deutschen Nachkriegsliteratur, München 1988; - Sigurd M. Daecke, Wolfgang Borchert 1921-1947. In: Hans Jürgen Schultz (Hrsg.), Der Tod nimmt, die Liebe gibt. Porträts vom Leben und Sterben aus drei Jahrhunderten, Stuttgart 1994, 60-71; - Wilhelm Grosse, Wolfgang Borchert, Kurzgeschichten. Interpretationen, München 1995; - Erwin John Warkentin, The unpublished works of Wolfgang Borchert with a critical introduction and commentary, Edmonton 1995 [Univ.Diss]; - Gordon J.A. Burgess (Hrsg.), "Pack das Leben bei den Haaren". Wolfgang Borchert in neuer Sicht, Hamburg 1996 [Schriftenreihe der Hamburger Kulturstiftung 5]; - Harro Gehse, Draußen vor der Tür. Die Hundeblume und andere Erzählungen. Analysen und Reflexionen, Hollfeld 1996; - Kåre Eirek Gullvåg, Der Mann aus den Trümmern. Wolfgang Borchert und seine Dichtung, Aachen 1997; - Hans-Gerd Winter, "Wohin sollen wir denn auf dieser Welt!" Wolfgang Borchert, der früh vereinnahmte Autor und sein unbehauster Heimkehrer, in: "Dann waren die Sieger da". Studien zur literarischen Kultur in Hamburg 1945-1950, Hamburg 1999, 25-55; - Draußen vor der Tür. Grundlagen und Gedanken. Bearb. von Bernd Balzer, Frankfurt 2001; - Paola Bonelli, Wolfgang Borchert im Scheinwerferlicht, Genua 2001; - Alexander Koller, Wolfgang Borcherts "Draussen vor der Tür". Zu den überzeitlichen Dimensionen eines Dramas, Marburg 2001; - Jan-Geert Wolff, Die Aufarbeitung des Kriegserlebnisses im Werk Wolfgang Borcherts, Norderstedt 2001; - Amalia Fiori, "...auch wenn es Sorge ist, ich sage: Ja". Per una nuova lettura di Wolfgang Borchert, Roma 2002 [Univ. Diss.]; - Martin Lätzel, Wo wohnt der liebe Gott? Im Graben, im Graben! Über Wolfgang Borchert, in: Imprimatur 1/2002, 28-32.
Martin Lätzel
Werkeergänzung:
2009
Die traurigen Geranien u. andere Geschichten aus d. Nachlaß. Hrsg. u. mit einem Nachw. von Peter Rühmkorf. Berlin 2009.
Literaturergänzung:
Karine Laganovska, Telpa un laiks Volfganga Borherta dailrade. Rezekne 2004; - Sandra Graunke, W.B., Draußen vor der Tür. Hrsg. von Johannes Diekhans. Paderborn 2005; - Gordon J.A. Burgess, W.B., ich glaube an mein Glück. Eine Biographie. Berlin 2007; - Reiner Poppe, Erläuterungen zu W.B., Draußen vor der Tür. 3. Aufl. Hollfeld 2007; - Harro Gehse, W.B., Draußen vor der Tür, Die Hundeblume u. andere Erzählungen. Interpr. u. Materialien. 3., überarb. Aufl. Hollfeld 2007; - Winfried Freund ; Walburga Freund-Spork, W.B., Draußen vor der Tür. Stuttgart 2008; - Dann gibt es nur eins! Von d. Notwendigkeit, den Frieden zu gestalten. Beitr. d. Konferenz anläßl. d. 60. Todestages von W.B. Heidi Beutin ... (Hrsg.). Frankfurt/M. 2008.
Letzte Änderung: 21.08.2009